• KW 39 – 2026: Vier Termine, an denen Abwarten die teurere Entscheidung ist.

    André Wehr

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    AI · BUSINESS · KLARTEXT

    André Wehr  ·  Managing Partner & Lead Data Architect, tractionwise GmbH

    KW 39 / 2026 | Das Muster dieser Woche: Mehrfach ist Nichtstun in dieser Woche die teurere Entscheidung.

    WOCHENBLICK

    Microsoft hat eine Einstellung eingeführt, die zum 14. Dezember den Speicherort von Microsoft-365-Daten verändert, sofern niemand widerspricht. Zwei Zero-Days in Geräten am Netzrand werden aktiv angegriffen, eine davon nachweislich seit Ende Juli. Eine ifo-Sonderbefragung zeigt erstmals, dass die Bürokratielast mittlere Unternehmen fast so hart trifft wie Konzerne, während die Studienlage zur DSGVO-Reform auseinandergeht. Dazu halbiert OpenAI die Modellpreise, und elf dokumentierte KI-Projekte verraten, an welcher Stelle der Aufwand tatsächlich anfällt.

    ZUM MITNEHMEN

    In vielen Unternehmen gilt Abwarten als die sichere Variante. Eine Entscheidung kann falsch sein, keine Entscheidung nicht. Also bleibt ein Punkt auf der Liste stehen, und dafür muss sich niemand rechtfertigen.

    Diese Woche zeigt, was dabei übersehen wird. Wer nicht entscheidet, bekommt trotzdem ein Ergebnis. Es kommt nur von jemand anderem, und es folgt dessen Interesse.

    Eine Voreinstellung, die niemand ändert, ist eine Zusage, die still ausläuft. Eine Schwachstelle, nach der niemand fragt, gilt im Haus als geschlossen. Und eine Reform, auf die man wartet, verschiebt die Arbeit, ohne die Last zu verringern.

    Das Unangenehme daran ist die fehlende Spur. Über das Nichtstun gibt es kein Protokoll, keinen Beschluss und keinen Verantwortlichen. Am Ende steht ein Zustand, den niemand gewählt hat und für den trotzdem jemand geradesteht.

    Wer die Verantwortung hat, kennt idealerweise die Voreinstellungen, die für das eigene Haus gelten. Nicht alle. Die drei oder vier, an denen ein Datum hängt.

    Abgeleitet aus den fünf Meldungen, die unten stehen. Alles andere aus dieser Woche habe ich weggelassen.

    #1  INFRASTRUKTUR · VENDOR

    Microsoft verschiebt zum 14. Dezember den Speicherort Ihrer Microsoft-365-Daten. Es sei denn, Sie widersprechen.

    Microsoft hat am 14. September im Admin-Center die Einstellung „Store Microsoft 365 customer data in-country“ eingeführt. Sie legt fest, ob Daten aus Exchange Online, SharePoint, OneDrive, Teams sowie Microsoft 365 Copilot und Copilot Chat im Ruhezustand im eigenen Land liegen oder regional innerhalb der EU-Datengrenze. Die Einstellung ist standardmäßig deaktiviert. Bleibt sie es bis zum 14. Dezember, entfällt die Zusage der Speicherung im Land. Zurückschalten ist danach möglich, der Rückumzug dauert laut Microsoft rund sechs Monate. Betroffen sind berechtigte Tenants in Deutschland, Frankreich, Norwegen, Schweden und der Schweiz. Angekündigt wurde die Änderung über einen Message-Center-Beitrag, der nicht öffentlich zugänglich ist.

    Warum es zählt: Die Daten bleiben in beiden Fällen innerhalb der EU-Datengrenze, datenschutzrechtlich ändert sich nach Angaben von Microsoft nichts. Wer in Verträgen, Zertifizierungen oder Ausschreibungen eine Speicherung in Deutschland zugesagt hat, verliert diese Grundlage trotzdem. Der Blick ins Admin-Center dauert fünf Minuten.
    Schritte: Einstellungen -> Einstellungen der Organisation -> Organisationsprofil -> Datenspeicherort -> Verpflichtungen -> Einstellungen bearbeiten.
    Die längerfristige Frage ist eine andere: Wer in Ihrem Haus liest die Message-Center-Meldungen, und was passiert mit dem, was dort steht? Zur Erinnerung: 88 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen US-Software, und über vier von zehn mit erkanntem Risiko planen keine Maßnahme.

    →  heise.de  /  learn.microsoft.com

    #2  SECURITY · DACH

    Zwei Einfallstore ins Firmennetz stehen offen. Eines davon seit Ende Juli.

    Betroffen sind Geräte, über die Beschäftigte und Partner von außen ins Firmennetz kommen, also Fernzugang und Firewall. Beim Hersteller F5 warnt das BSI seit dem 22. September mit der höchsten Risikostufe: Ein Angreifer kann ohne Zugangsdaten und ohne Mitwirkung eines Mitarbeiters die Kontrolle über das Gerät übernehmen. F5 bestätigt, dass das bereits geschieht. Beim Hersteller Check Point sind zwei Lücken betroffen, eine davon in der Produktlinie Spark, die ausdrücklich für kleine und mittlere Betriebe angeboten wird, die zweite in der zentralen Verwaltung, über die alle Firewalls eines Unternehmens gesteuert werden. Diese zweite Lücke wird nachweislich seit dem 23. Juli angegriffen, also zwei Monate bevor die Warnung kam. Für beide Hersteller liegen Updates bereit.

    Warum es zählt: Diese Geräte gehören im Mittelstand fast immer dem IT-Dienstleister, nicht dem Betrieb. Die brauchbare Nachfrage ist deshalb kurz und lautet auf ein Datum: An welchem Tag wurde das Update eingespielt? Liegt dieser Tag nach dem 23. Juli, gehört eine zweite Frage dazu, nämlich ob jemand geprüft hat, was in der Zwischenzeit passiert ist. Ein Angreifer, der die zentrale Verwaltung übernommen hat, verschwindet nicht durch ein Update. Beide Fragen sind in einer E-Mail gestellt und sollten schriftlich beantwortet werden.

    →  BSI-Warnung F5  /  BSI-Warnung Check Point

    #3  GOVERNANCE · DACH

    Mittlere Unternehmen tragen die Konzernlast. Ob eine Reform hilft, ist umstritten.

    Eine ifo-Sonderbefragung unter 4.449 Unternehmen nennt Bürokratie als größtes Standortproblem, vor Energiekosten und Arbeitskosten. Der eigentliche Befund ist die Staffelung nach Größe: Kleinstunternehmen nennen sie zu 41 Prozent, mittlere Unternehmen zu 58, große zu 59. Bitkom hat parallel 605 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt: 90 Prozent halten eine DSGVO-Reform für notwendig, 84 Prozent nennen Dokumentationspflichten als größte Last, 37 Prozent haben auf eine Anfrage an die Aufsichtsbehörde keine Antwort bekommen, und die Hälfte sagt, Datenschutz behindere konkret die KI-Einführung. Eine Studie von Fraunhofer ISI und Universität Kassel hält dagegen, die Annahme, weniger Datenschutz ermögliche mehr Innovation, sei empirisch nicht belegt.

    Warum es zählt: Mittlere Unternehmen liegen praktisch gleichauf mit Konzernen, ohne deren Stabsabteilungen zu haben. Beide Seiten der Reformdebatte sind sich dabei einig, dass die Last bei kleineren Betrieben überproportional ankommt; strittig ist, ob die Regeln selbst oder ihre Ausgestaltung und die Aufsichtspraxis das Problem sind. Für eine Entscheidung in diesem Herbst ist das folgenlos, weil beide Wege Jahre brauchen. Praktisch heißt das: Die Datenschutz-Folgenabschätzung gehört an den Anfang eines KI-Vorhabens, weil sie bei ungeklärter Rechtslage die längste Durchlaufzeit hat.

    →  bitkom.org  /  handelsblatt.com

    #4  VENDOR · MODELLE

    OpenAI halbiert die Preise. Der Verbrauch je Aufgabe steigt dabei leicht.

    Am 22. September hat OpenAI GPT-6 Sol und GPT-6 Luna veröffentlicht und die API-Preise gegenüber der GPT-5.6-Reihe halbiert. Sol kostet jetzt 2 Dollar Input und 10 Dollar Output je Million Token statt zuvor 4 und 20, Luna 0,10 und 0,50 statt 0,20 und 1,20. OpenAI bezeichnet die Preise als dauerhaft und begründet sie mit effizienterer Inferenz und verbessertem Caching. Am selben Tag hat Anthropic Claude Opus 5.5 veröffentlicht. Artificial Analysis misst die Kosten je Aufgabe für Sol bei 1,06 statt 1,99 Dollar und für Luna bei 0,07 statt 0,18. Beide Modelle verbrauchen je Aufgabe dabei etwas mehr Output-Tokens als ihre Vorgänger.

    Warum es zählt: Das ist die zweite Halbierung binnen zweier Monate, und damit erreichen Frontier-Preise das Niveau günstiger Open-Weight-Modelle. Wer lokale Inferenz aus Kostengründen gerechnet hat, rechnet neu. Der Nachsatz zum Tokenverbrauch gehört allerdings dazu: Die Gartner-Beobachtung aus dem August, wonach sinkende Tokenpreise die Kosten agentischer Workflows nicht senken, bestätigt sich hier im Kleinen. Ein halbierter Preis bei steigendem Verbrauch ergibt eine kleinere Ersparnis als die Schlagzeile verspricht.

    →  heise.de  /  trendingtopics.eu

    #5  PRAXIS · DATA STACK

    Elf dokumentierte KI-Projekte, zweimal derselbe Satz: Die letzten 20 bis 30 Prozent kosten den Rest.

    Ein Praxisbericht dokumentiert elf KI-Projekte mit namentlich genannten Unternehmen. Zwei davon beschreiben ihr Aufwandsmuster fast wörtlich gleich. Bei einem Logistiker, dessen Agent monatlich 11.000 Reklamationen bearbeitet, waren die ersten 70 Prozent der Funktionalität schnell entwickelt, die letzten 30 Prozent verschlangen den Großteil des Aufwands. Aus einem Fintech-Projekt stammt der Satz, 80 Prozent seien schnell und die letzten 20 schrecklich. In drei Projekten taucht unabhängig voneinander dieselbe Konstruktion auf: eine Confidence-Schwelle, unterhalb derer der Agent an einen Menschen übergibt. Die Modellwahl spielte in keinem der Fälle die Hauptrolle. Die Zahlen stammen von den Unternehmen selbst.

    Warum es zählt: Ein Pilot, der nach sechs Wochen zu 80 Prozent funktioniert, ist etwa zur Hälfte fertig. Das deckt sich mit der Durchfallquote aus der letzten Ausgabe, wonach bei zwei Dritteln der Unternehmen weniger als ein Viertel der Piloten in den Betrieb kommt. Die Confidence-Schwelle ist die Konstruktion, mit der diese Projekte überhaupt produktiv gehen: Der Agent arbeitet dort, wo er sicher ist, und übergibt, wo er es nicht ist. Das ist weniger spektakulär als vollständige Autonomie und geht dafür in Betrieb.

    →  t3n.de  /  Angaben der beteiligten Unternehmen, nicht unabhängig geprüft

    ● ● ●   KLARTEXT-FRAGE
    Welche Voreinstellungen in Ihren wichtigsten Systemen ändern sich an einem festen Datum, ohne dass jemand bei Ihnen etwas tun muss?
    Wenn diese Frage bei Ihnen etwas ausgelöst hat, leiten Sie diese Ausgabe weiter.
    Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.

    rohdata erscheint wöchentlich. Kein Hype. Keine Werbung. Nur das was zählt.
    → andrewehr.com/rohdata

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