• KW 33 – 2026: 88 Prozent nutzen US-Software, vier von zehn planen nichts. Und drei Fristen laufen unbemerkt.

    André Wehr

    rohdata

    AI · BUSINESS · KLARTEXT

    André Wehr  ·  Managing Partner & Lead Data Architect, tractionwise GmbH

    KW 33 / 2026  —  Das Muster dieser Woche:  88 Prozent der Unternehmen nutzen US-Software, über vier von zehn Risikobewussten planen nichts. Mistral wird Infrastrukturanbieter mit wählbaren EU-Endpunkten. Forschende lesen verschlüsselte KI-Denkprozesse im Klartext aus. Und drei Fristen laufen, während die bekannteste längst verschoben war.

    WOCHENBLICK

    Knapp 88 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen US-Software, und von denen, die darin ein Risiko sehen, planen über vier von zehn keine Gegenmaßnahme. Auslöser der ifo-Befragung war die Anthropic-Sperrung im Juni. Mistral baut sich zum Infrastrukturanbieter um, mit wählbaren EU-Endpunkten. Tübinger Forschende haben verschlüsselte KI-Denkprotokolle im Klartext ausgelesen und darin Passwörter und API-Schlüssel gefunden. Dazu drei Fristen im September und eine Korrektur zur AI-Act-Hochrisikofrist.

    #1  GOVERNANCE · DACH

    88 Prozent nutzen US-Software. Von denen, die darin ein Risiko sehen, planen über vier von zehn keine Gegenmaßnahme.

    Knapp 88 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen Produkte US-amerikanischer Anbieter, 31 Prozent sehen sich stark abhängig. Von jenen, die darin ein Risiko erkennen, wollen mehr als vier von zehn nichts unternehmen. Anlass der ifo-Befragung war die vorübergehende Sperrung der leistungsfähigsten Anthropic-Modelle für ausländische Nutzer im Juni. Wo Unternehmen handeln wollen, führt der Weg nach Europa: europäische Alternativen 34 Prozent, Anbieterdiversifizierung 30 Prozent, eigene Infrastruktur 18 Prozent. Auf die EU entfallen unter 5 Prozent der weltweit erfassten KI-Rechenkapazität. Klaus Wohlrabe vom ifo: „Die Unternehmen wissen recht genau, wo sie stehen, sie ziehen daraus kaum Konsequenzen.“

    Warum es zählt: Die 88 Prozent sind erwartbar, die vier von zehn sind das Thema. Die Frage ist falsch gestellt, wenn sie „wechseln oder bleiben“ lautet. Souveränität entsteht durch Architektur: offene Tabellenformate, dokumentierte Schnittstellen, ein beschriebener Exit-Pfad. Das kostet einen Bruchteil einer Migration und ist auch bei US-Anbietern möglich.

    →  ifo.de  /  ifo Schnelldienst digital 2026, Heft 12

    #2  INFRASTRUKTUR · DACH

    Mistral wird Infrastrukturanbieter: EU-Endpunkte allgemein verfügbar, Nachfragekoalition europäischer Großunternehmen.

    Mistral baut sich vom Modellentwickler zum Infrastrukturanbieter um. Regionale Endpunkte für EU und USA sind seit dem 11. August allgemein verfügbar, Unternehmenskunden legen fest, wo ihre Anfragen verarbeitet werden. Laut VentureBeat ist zusätzlich eine Variante geplant, bei der die Verarbeitung vollständig auf Mistrals eigener Infrastruktur läuft, ohne Rechenzentren großer Cloudanbieter. Parallel bringt das Unternehmen europäische Großkonzerne zusammen, die sich mehrjährig zur Abnahme von Rechenleistung verpflichten sollen. Ziel sind 200 Megawatt bis Ende 2027 und bis zu ein Gigawatt bis 2030. Den 10-Prozent-Aufschlag von OpenAI für regionale Datenhaltung hatte ich in der letzten Ausgabe beschrieben.

    Warum es zählt: Das ist die konkreteste Antwort der Woche auf #1: zwei bezifferbare Optionen statt einer Grundsatzdebatte. Ein Gigawatt bis 2030 bleibt eine Ankündigung, und die Finanzierung hängt an Abnahmezusagen, die noch nicht öffentlich sind. Für die Praxis zählt der erste Schritt: Ein Endpunkt mit wählbarer Region lässt sich an einem Tag testen.

    →  heise.de  /  borncity.com

    #3  SECURITY · MODELLE

    Tübinger Forschende lesen verschlüsselte KI-Denkprozesse im Klartext aus. Als Werkzeug dient das kleinere Modell desselben Anbieters.

    Anthropic, OpenAI und Google verschlüsseln die internen Denkprotokolle ihrer Modelle und senden sie an den Client, damit Konversationen fortgesetzt werden können. Die Verschlüsselung ist an die Modellfamilie gebunden, nicht an das einzelne Modell. Forschende vom Max-Planck-Institut für intelligente Systeme, dem ELLIS Institute Tübingen, der Universität Tübingen, MATS Research und Snyk reichten den Denkblock eines abgesicherten Spitzenmodells bei einem kleineren, weniger restriktiven Modell desselben Anbieters ein und ließen ihn vorlesen. Aus 315.320 öffentlich gefundenen Blöcken rekonstruierten sie 367 personenbezogene Identifikatoren, 182 Zugangsdaten, 62 API-Schlüssel und 33 Klartext-Passwörter. Umgekehrt lassen sich in präparierten Blöcken Prompt-Injections verstecken, für menschliche Prüfer unsichtbar.

    Warum es zählt: Wer Reasoning-Blöcke in Logs, Repositories oder Ticketsystemen ablegt, speichert potenziell Zugangsdaten im Klartext, ohne es zu wissen. Prüfen Sie, wo Ihre Anwendungen Reasoning-Tokens persistieren, und behandeln Sie diese Felder wie Geheimnisse. Eine Verschlüsselung, die an eine Modellfamilie statt an eine Sitzung gebunden ist, taugt nicht als Zugriffskontrolle. Passend dazu die IBM-Zahl dieser Woche: 92 Prozent der befragten Unternehmen haben gar keine Zugriffskontrollen für ihre KI-Anwendungen.

    →  heise.de  /  netzpalaver.de

    #4  REGULIERUNG · DACH

    Drei Fristen in den nächsten Wochen: CRA-Meldepflicht am 11. September, NIS2-Registrierung abgelaufen, Sentinel-Connector für SAP am 14. September.

    Ab dem 11. September müssen Hersteller von Produkten mit digitalen Elementen aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Vorfälle melden, initial binnen 24 Stunden, mit Nachmeldung binnen 72 Stunden. Das BSI hat dazu am 5. August die Technische Richtlinie TR-03183-1 als Einstiegshilfe freigegeben. Bei NIS2 endete die BSI-Nachfrist zur Registrierung am 31. Juli: Nach Berichten sind 18.845 Stellen registriert bei geschätzt 29.500 Betroffenen, die Bundesregierung deutet die Differenz als Schätzungenauigkeit. Betriebe ab 50 Beschäftigten müssen selbst prüfen, ob sie betroffen sind, eine Behörde teilt das nicht mit. Und Microsoft deaktiviert am 14. September den containerisierten Sentinel-Connector für SAP dauerhaft.

    Warum es zählt: Diese Fristen greifen ohne Ankündigung, und niemand erinnert daran. Der Bußgeldrahmen bei NIS2 reicht bis 10 Millionen Euro. Für die nächsten vier Wochen sind drei Dinge zu klären: ein benannter Verantwortlicher für die CRA-Meldung samt Eskalationsweg, eine dokumentierte NIS2-Betroffenheitsprüfung, und ein Termin für die Sentinel-Migration.

    →  bsi.bund.de  /  computerwoche.de

    #5  PRAXIS · DATA STACK

    82 Prozent der KI-getriebenen IT-Projekte reißen das Budget. Die häufigste unerwartete Hürde ist die Datenqualität.

    Die herstellerfinanzierte Transformationsstudie 2026 von NTT DATA Business Solutions und Natuvion befragte über 1.100 Fach- und Führungskräfte in 15 Ländern. 60 Prozent nennen die KI-Einführung als Hauptgrund ihrer IT-Transformation, 82,2 Prozent überschreiten das Budget, 79,5 Prozent den Zeitplan. Als größte unerwartete Hürde nennen 26,4 Prozent die Datenqualität. Eine Fallsammlung der Computerwoche liefert die Größenordnungen: 2,5 Millionen Euro für einen ungenutzten Data Lake, 94 Prozent Modellgenauigkeit im Proof of Concept gegen 61 Prozent in Produktion, 70 Prozent der Modellentwicklungszeit für Datenbereinigung. Die Fälle sind anonymisiert und ohne Herkunftsangabe.

    Warum es zählt: Datenqualität als häufigste unerwartete Hürde entscheidet über die Reihenfolge. Der Sprung von 94 auf 61 Prozent hat eine simple Ursache: Ein Proof of Concept läuft auf kuratierten Daten, die Produktion auf dem echten Bestand. Wer den Aufwand für Stammdaten, Klassifizierung und Berechtigungen vor dem Piloten nicht kennt, kennt die Projektlaufzeit nicht. Erst das Fundament, dann das Modell.

    →  silicon-saxony.de  /  computerwoche.de

    KORREKTUR  ·  Story aus KW 31 / 2026

    AI Act: Ich habe die Hochrisiko-Frist falsch dargestellt. Sie liegt im Dezember 2027.

    In der Ausgabe zum KI-MIG hatte ich geschrieben, dass am 2. August 2026 alle Pflichten für Hochrisiko-KI-Systeme greifen. Das war falsch, und ich möchte das klarstellen. Die Verordnung (EU) 2026/1744, der Digital Omnibus on AI, ändert Artikel 113 der KI-Verordnung und ist seit dem 27. Juli in Kraft, fünf Tage vor meinem Erscheinungsdatum. Hochrisiko-Pflichten gelten nach Anhang III ab dem 2. Dezember 2027, nach Anhang I ab dem 2. August 2028. Was richtig bleibt: Das KI-MIG ist in Kraft, die Bundesnetzagentur ist Marktüberwachungsbehörde, und die Transparenzpflicht nach Artikel 50 Absatz 1 gilt seit dem 2. August unverändert. Wer Chatbots oder Voicebots im Kundenkontakt betreibt, muss das jetzt kenntlich machen. Eine Beobachtung zum Schluss: Die Bundesnetzagentur führt auf ihrer Marktüberwachungsseite bis heute, mit dem Hinweis „Wichtig“ hervorgehoben, die alten Daten 2. August 2026 und 2. August 2027. Geprüft am 14. August 2026.

    →  eur-lex.europa.eu  /  rohdata KW 31 / 2026

    KERNAUSSAGE

    Die letzte Ausgabe drehte sich um Zahlen, die niemand kennt. Diese Woche liegen die Zahlen vor, und die Konsequenz fehlt. Über vier von zehn Unternehmen mit erkannter US-Abhängigkeit planen keine Maßnahme. Über 10.000 NIS2-pflichtige Betriebe haben sich nicht registriert. 92 Prozent haben keine Zugriffskontrollen für ihre KI-Anwendungen. Und 82 Prozent der KI-Transformationen reißen das Budget, wobei die häufigste Überraschung die Datenqualität ist, also genau der Teil, der vorher bekannt sein könnte. Die Lücke liegt zwischen Problembewusstsein und Umsetzung, und sie ist in dieser Woche in jeder einzelnen Zahl messbar.

    ● ● ●   KLARTEXT-FRAGE
    Wenn Ihr wichtigster KI- oder Cloud-Anbieter Ihnen morgen den Zugang sperren würde: Wie lange bräuchten Sie für einen Wechsel, und wer in Ihrem Haus kann diese Zahl nennen?
    Wenn eine dieser Fragen bei Ihnen etwas ausgelöst hat — leiten Sie diese Ausgabe weiter.
    Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.

    rohdata erscheint wöchentlich. Kein Hype. Keine Werbung. Nur das was zählt.
    andrewehr.com/rohdata

    rohdata direkt ins Postfach: Newsletter abonnieren