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AI · BUSINESS · KLARTEXT
KW 41 / 2026 | Das Muster dieser Woche: Die Kontrolle über KI wird angenommen. Gemessen wird sie selten.
Eine Studie des IMDEA Networks Institute zeigt, dass alle neun großen KI-Chatdienste Daten an Werbe- und Trackingdienste weitergeben, auch wenn Nutzer nicht notwendige Cookies ablehnen. BSI und TÜV-Verband messen, dass nur jedes neunte Unternehmen einen Ablauf für KI-Sicherheitsvorfälle hat, während fast alle deutschen CIOs den Überblick über selbst eingeführte Werkzeuge zu haben glauben. Dazu tritt ein neuer Bundesdatenschutzbeauftragter an, und ein Preisnachlass für ein kleines KI-Modell zeigt, wie weit Schlagzeile und tatsächliche Ersparnis auseinanderliegen können.
Fragt man in Unternehmen nach dem Überblick über die eigene KI-Nutzung, ist die Antwort meist beruhigend. Man kennt die Werkzeuge, man hat Regeln, und der Anbieter trägt einen seriösen Namen.
Diese Woche zeigt, wie weit diese Einschätzung von dem entfernt sein kann, was sich messen lässt. Daten fließen an Stellen, die in keiner Freigabe vorkommen, auch dann, wenn jemand die strengste Einstellung gewählt hat. Und wo es tatsächlich zu einem Vorfall kommt, fehlt in den meisten Häusern der Ablauf dafür.
Der Grund ist selten Nachlässigkeit. Überblick fühlt sich an wie Kontrolle, solange niemand nachsieht. Das Gefühl entsteht aus Gesprächen und Präsentationen, die Wirklichkeit aus Datenflüssen und Protokollen.
Eine Kontrolle, die nie nachgemessen wurde, ist eine Annahme, und der Unterschied zeigt sich erst im Ernstfall. Ein Nachmittag mit der Frage, welche Werkzeuge im Einsatz sind und wohin ihre Daten gehen, ersetzt keine Strategie. Er ersetzt die Annahme.
Abgeleitet aus den fünf Meldungen, die unten stehen. Alles andere aus dieser Woche habe ich weggelassen.
Alle neun großen KI-Chatdienste geben Daten an Werbe- und Trackingdienste weiter. Auch nach „Alle ablehnen“.
Das IMDEA Networks Institute in Madrid hat neun Chatdienste untersucht, darunter ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot, Grok und Le Chat, jeweils in den Verbraucher-Tarifen. Jeder Dienst bindet mindestens einen Werbe- oder Trackingdienst ein. Sechs von neun Webversionen geben Gesprächsbestandteile an Dritte weiter, etwa Links zu Chats und automatisch erzeugte Titel, die das Thema eines Gesprächs verraten, oft zusammen mit dauerhaften Nutzerkennungen. Wer nicht notwendige Cookies ablehnt, schaltet nur einen Teil davon ab, 80,8 Prozent der Tracker bleiben aktiv. Für Dritte vollständig lesbar waren ganze Gespräche nur in Einzelfällen, vor allem bei Grok. Die Studie ist noch nicht begutachtet.
Warum es zählt: Business- und Enterprise-Tarife waren nicht Teil der Studie, und genau an dieser Grenze entschied schon in der Ausgabe zu Project Lily der Kontotyp. Der zweite Befund betrifft jeden, der selbst baut: Laut den Autoren entstehen dieselben Abflüsse überall, wo Standard-Analysewerkzeuge in eine Chat-Oberfläche eingebaut werden, also auch im eigenen Kundenchatbot. Ob das bei Ihnen zutrifft, zeigt ein Blick in den Netzwerkverkehr der eigenen Seite. Der dauert eine Stunde.
Jedes neunte Unternehmen hat einen Ablauf für KI-Sicherheitsvorfälle. Fast ein Drittel der KI-Nutzer hat gar keine Regel.
BSI und TÜV-Verband haben über 500 Unternehmen ab 20 Beschäftigten zur KI-Sicherheit befragt. Jedes sechste Unternehmen hat im vergangenen Jahr bereits einen Vorfall oder Angriffsversuch mit KI-Bezug erlebt, meist in Form überzeugender Phishing-Mails. Einen eigenen Ablauf für solche Vorfälle hat nur jedes neunte. Die meisten verlassen sich auf ihre allgemeinen IT-Sicherheitsprozesse, ein Viertel hat gar keine Regeln. Und knapp ein Drittel der Unternehmen, die KI einsetzen, hat weder Schulungen noch Freigabeprozesse noch eine Prüfung der Anbieter.
Warum es zählt: Für einen Betrieb mit 200 Beschäftigten ist ein eigener KI-Vorfallprozess selten die realistische Antwort. Realistisch ist eine Ergänzung des bestehenden Notfallablaufs um zwei Fragen: Welche KI-Werkzeuge waren beteiligt, und welche Daten haben sie gesehen. Das ist an einem Nachmittag geschrieben. Für die Hälfte der Befragten ist außerdem eine unabhängige Zertifizierung ein wichtiges Auswahlkriterium, und das ist ein brauchbares Argument beim nächsten Einkauf von KI-Funktionen.
→ bsi.bund.de / cio.de
93 Prozent der deutschen CIOs glauben, den Überblick zu haben. Ihre Sorgen sprechen dagegen.
Thoughtworks hat im Juli 3.200 CIOs weltweit befragt, davon 400 in Deutschland. Fast alle deutschen Befragten glauben, einen guten Überblick über Werkzeuge zu haben, die Fachbereiche oder Beschäftigte selbst eingeführt haben. Im selben Datensatz sorgen sich die deutschen CIOs häufiger als die aller anderen Länder um Probleme durch die KI-Nutzung ihrer Beschäftigten. Weltweit sagt eine große Mehrheit, KI werde schneller eingeführt, als sich die eigenen Regeln anpassen können, und fast alle erwarten, dass die IT für Verstöße geradestehen muss, auch wenn Fachbereiche die Werkzeuge beschafft haben.
Warum es zählt: Beide deutschen Befunde passen schlecht zusammen. Wer den Überblick hat, muss sich um die Nutzung seiner Beschäftigten weniger sorgen als alle anderen. In der letzten Ausgabe gab rund ein Drittel der Bürobeschäftigten an, nicht freigegebene Werkzeuge zu nutzen, und etwa jeder Fünfte, dort Firmendaten einzugeben. Das legt nahe, welcher der beiden Befunde der belastbarere ist. Die Frage nach dem eigenen Überblick lässt sich in jeder Unternehmensgröße stellen.
→ cio.de / Thoughtworks, Global CIO Survey 2026
Der neue Bundesdatenschutzbeauftragte sieht Handlungsbedarf bei Datenhändlern und will risikoarme Geschäftsmodelle lockerer behandeln.
Moritz Hennemann ist seit dem 1. Oktober Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Am 6. Oktober hat er in der Bundespressekonferenz seine Schwerpunkte vorgestellt. Seine Aufsicht wolle er „weder besonders hart noch besonders lasch, sondern ausgewogen“ führen. Offen zeigte er sich für eine abgestufte Regulierung, bei der datenintensive Geschäftsmodelle strenger und risikoarme lockerer behandelt werden. Bei großen Skandalen um Datenhändler sieht er „sicher noch Handlungsbedarf“. Die von der Bundesregierung geplante Zusammenlegung der Datenschutzaufsicht über die Wirtschaft bei seiner Behörde nannte er zweckmäßig, die Länder lehnen sie ab.
Warum es zählt: Die Linie passt zur ersten Meldung dieser Woche. Wenn Gesprächstitel aus KI-Diensten bei Werbenetzwerken landen, betrifft das genau den Markt, den Hennemann strenger beaufsichtigen will. Für die meisten Mittelständler ist die abgestufte Regulierung die interessantere Ankündigung, weil sie in die entlastende Richtung zeigt. Kurzfristig ändert sich wenig: Die Aufsicht über die Wirtschaft liegt bis auf Weiteres bei den Landesbehörden, und die Reform, auf die eine nachsichtigere Auslegung angewiesen wäre, ist nicht beschlossen.
Ein kleines KI-Modell wird um 90 Prozent günstiger. Gemessen an einer typischen Aufgabe sind es 75.
Anthropic hat am 7. Oktober Claude Haiku 5.5 veröffentlicht. Bei Anfragen unter 100.000 Token kostet es 0,10 Dollar Input und 0,50 Dollar Output je Million Token, 90 Prozent weniger als der Vorgänger und gleichauf mit GPT-6 Luna. Oberhalb der Schwelle liegt der Preis bei 0,50 und 2,50 Dollar, die Ersparnis bei 50 Prozent. Weil sich zugleich die Zerlegung von Texten in Token geändert hat, kostet eine typische Aufgabe laut Anthropic im Mittel rund 75 Prozent weniger. Das Modell ist über Anthropic, AWS, Google Cloud und Microsoft Azure verfügbar.
Warum es zählt: Das ist das Muster der Woche im Kleinen. Die Schlagzeile nennt 90 Prozent, gemessen an einer echten Aufgabe sind es 75, und wer lange Dokumente verarbeitet, landet bei 50. Nach der Preishalbierung bei OpenAI im September ist es die zweite deutliche Senkung binnen eines Monats. Die eigene Rechnung lässt sich mit einem Test an den echten Anfragen des letzten Monats an einem Tag aufstellen, und erst diese Zahl gehört ins Budget.
Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.
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→ andrewehr.com/rohdata
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