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AI · BUSINESS · KLARTEXT
KW 43 / 2026 | Das Muster dieser Woche: Die Abhängigkeit ist bekannt. Der Hebel, der am wenigsten kostet, wird am seltensten genutzt.
Der Bitkom e.V. hat gemessen, wie lange deutsche Unternehmen ohne Digitalimporte auskämen, und wie wenige den einfachsten Gegenhebel nutzen. Die Bundesregierung hat mit Nvidia eine Partnerschaft für industrielle KI vereinbart, deren Wirkung auf die Abhängigkeit umstritten ist. Die SAP-Anwendergruppe kritisiert, dass KI-Kosten zu den Lizenzen hinzukommen und sich kaum vorhersagen lassen. Eine ifo-Studie zeigt, wo die deutsche Industrie forscht und wo der Hebel liegt. Dazu eine kritische PHP-Lücke, die schon vor ihrer Veröffentlichung ausgenutzt wurde.
Wenn in Unternehmen über digitale Abhängigkeit gesprochen wird, endet das Gespräch oft bei einer großen Frage: Wechseln wir den Anbieter? Die Antwort ist meist nein, weil ein Wechsel teuer ist, lange dauert und das Tagesgeschäft stört. Damit ist das Thema für ein weiteres Jahr erledigt.
Diese Woche zeigt, dass die Frage falsch gestellt ist. Die Abhängigkeit ist in fast allen Häusern bekannt, und die Sorge darüber wächst. Was fehlt, ist selten der Mut zum Wechsel. Es fehlt die kleine Entscheidung davor.
Abhängigkeit entsteht beim Einkauf, Zeile für Zeile im Lastenheft. Wer dort offene Datenformate, eine vollständige Exportfunktion und dokumentierte Schnittstellen verlangt, senkt seine Wechselkosten für Jahre, ohne heute irgendetwas zu wechseln.
Das kostet beim nächsten Einkauf keinen Euro mehr. Es kostet nur die Gewohnheit, diese Fragen zu stellen, bevor der Vertrag unterschrieben ist, und nicht erst, wenn die Verlängerung teurer wird.
Abgeleitet aus den fünf Meldungen, die unten stehen. Alles andere aus dieser Woche habe ich weggelassen.
Fast alle Unternehmen sehen sich digital abhängig. Den einfachsten Hebel nutzt kaum jemand.
Der Bitkom e.V. hat 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt, Erhebung im August und September. Fast alle importieren digitale Technik oder Dienste, von Endgeräten über Chips und Cloud bis zu KI. Ohne diese Importe kämen sie nach eigener Einschätzung im Schnitt 16 Monate aus. Die Sorge vor Abhängigkeit von den USA hat sich binnen zwei Jahren fast verdoppelt, die vor China ist ebenfalls gestiegen. Als Gegenmaßnahme bevorzugen viele deutsche oder europäische Anbieter, halten größere Lager oder bereiten einen Anbieterwechsel vor. Offene Standards zu bevorzugen, nennen dagegen nur 13 Prozent, die seltenste aller abgefragten Maßnahmen.
Warum es zählt: Unter allen Gegenmaßnahmen ist das die einzige, die beim nächsten Einkauf nichts zusätzlich kostet und dauerhaft wirkt. Ein Anbieterwechsel bindet Monate, ein Lager bindet Kapital. Offene Formate, eine vollständige Exportfunktion und dokumentierte Schnittstellen im Lastenheft senken dagegen die Wechselkosten über die gesamte Laufzeit eines Systems. Wie lange ein Ersatz für die drei wichtigsten IT-Systeme im eigenen Haus dauern würde, lässt sich an einem Nachmittag aufschreiben. Erst dann bekommen die 16 Monate eine Bedeutung für den eigenen Betrieb.
→ bitkom.org / Bitkom Research, 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten
Bund und Nvidia vereinbaren eine Partnerschaft für industrielle KI. Ob sie die Abhängigkeit verringert, ist offen.
Bundeswirtschafts- und Bundesforschungsministerium haben am 19. Oktober beim Investitionsgipfel in Berlin eine Absichtserklärung mit Nvidia unterzeichnet. Ziel sind offene, spezialisierte Modelle für industrielle KI, etwa für Robotik und Fabriksimulation, eingebunden über die Plattform Industrie 4.0. Welche Projekte daraus entstehen und welche Mittel der Bund bereitstellt, blieb offen, eine Absichtserklärung ist kein Vertrag. Die bereits 2025 angekündigte Industrial AI Cloud mit 10.000 Grafikprozessoren läuft unabhängig davon. Nvidia-Chef Jensen Huang sagte im ZDF, entscheidend sei, wer Daten und Anwendungen kontrolliere, weniger, wer die Hardware baue. Das ZEW warnt, ohne eigene europäische Infrastruktur und Modelle vertieften sich die Abhängigkeiten.
Warum es zählt: Huangs Satz ist bemerkenswert, weil ihn der Hersteller der Hardware sagt, und er stimmt trotzdem. Für einen Mittelständler entsteht aus der Erklärung heute nichts Buchbares. Verwertbar ist der Gedanke dahinter: Wer seine Maschinen-, Prüf- und Servicedaten geordnet und vertraglich gesichert hat, kann später auf offenen Industriemodellen aufbauen, gleich auf welcher Hardware sie laufen. Dass ausgerechnet der Konzern offene Modelle fördert, der im Herbst die wichtigste Plattform für offene Modelle übernommen hat, gehört allerdings mit in die Bewertung.
Bei SAP kommen die KI-Kosten zu den Lizenzen obendrauf. Wie viel, lässt sich bisher kaum vorhersagen.
Thomas Henzler, Vorstandssprecher der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG, kritisiert im Interview, dass KI-Funktionen bei SAP zusätzlich zu den bestehenden Lizenzkosten abgerechnet werden. Er hält das für den Gesamtmarkt nicht durchzuhalten und fordert klare Aussagen dazu, wie sich KI-Nutzung messen und vorab abschätzen lässt. Zweiter Punkt ist der Datenzugang: Wie Anbieter den Zugriff auf Daten und Funktionen künftig vermarkten, hänge eng mit der Debatte um die indirekte Nutzung zusammen. Hohe Agentenzahlen in Herstellerpräsentationen hält Henzler für keinen Mehrwert an sich. Eine Stellungnahme von SAP liegt dem Interview nicht bei.
Warum es zählt: Hier entsteht Abhängigkeit an einer Stelle, die bisher kaum jemand im Blick hat. Sobald ein KI-Werkzeug über eine Schnittstelle auf SAP-Daten zugreift, kann aus einer technischen Integration eine Lizenzfrage werden. Drei Fragen an den SAP-Partner sind in einem Termin gestellt: Nach welcher Einheit wird KI-Nutzung gemessen, gibt es eine Obergrenze oder Warnschwelle, und wie bewertet SAP den Datenzugriff externer Werkzeuge. Die Antworten gehören schriftlich in die Akte, bevor die erste Schnittstelle gebaut ist.
→ computerwoche.de / Interview mit Thomas Henzler, DSAG
Die deutsche Industrie forscht vor allem dort, wo verbessert wird. Der Hebel liegt in Software und Daten.
Eine ifo-Studie vergleicht die Forschungsausgaben der Industrie in 18 OECD-Ländern. In Deutschland entfällt nur rund ein Fünftel auf Hochtechnologie, 1995 war es noch knapp ein Drittel. In den USA sind es mehr als zwei Drittel, im internationalen Schnitt knapp 40 Prozent. Rund drei Viertel der deutschen Industrieforschung fließen in die Mitteltechnologie, also in Maschinenbau, Fahrzeugbau, Metall und Chemie. Ein höherer Hochtechnologieanteil geht laut Studie mit messbar höherem Wachstum in den Folgejahren einher, wobei die Autoren einen statistischen Zusammenhang beschreiben und keine Ursache.
Warum es zählt: Für einen Maschinenbauer ist das kein Auftrag, Chiphersteller zu werden. Der Unterschied zwischen Mittel- und Hochtechnologie liegt in diesen Branchen selten im Produkt selbst. Er liegt in dem, was an Software, Sensorik und Datenauswertung dazukommt: Zustandsüberwachung, Fernwartung, ein Serviceangebot auf Basis der Betriebsdaten. Das sind Vorhaben in der Größe eines Jahresprojekts. Wer dabei von Anfang an offene Formate und eigene Datenhoheit festlegt, baut die Abhängigkeit, um die es in dieser Ausgabe geht, gar nicht erst auf.
Eine kritische PHP-Lücke wurde schon vor ihrer Veröffentlichung ausgenutzt. Betroffen sind Websites, Shops und Netzwerkgeräte.
Das BSI warnt seit dem 21. Oktober vor zwei kritischen Lücken im PHP-Kern, zusammen PHP2Shell genannt. Ein Angreifer kann damit ohne Zugangsdaten und ohne Zutun eines Mitarbeiters Code auf dem Webserver ausführen und Passwörter oder Zugangsschlüssel aus dem Arbeitsspeicher auslesen. PHP läuft unter den meisten Firmenwebsites und Onlineshops, in Intranets und in den Verwaltungsoberflächen von Netzwerkgeräten. Korrigierte Versionen liegen vor, für PHP 8.1 und ältere Fassungen gibt es nur noch Korrekturen im Quellcode. Laut Amazon gab es bereits vier Tage vor der Veröffentlichung einen Ausnutzungsversuch.
Warum es zählt: Die entscheidende Frage ist organisatorisch: Wer betreibt die Systeme, auf denen PHP läuft. Bei einem großen Hoster kommt das Update vom Hoster, bei einer Agentur oder einem eigenen Server liegt es im Haus. Zwei Fragen genügen: Welche PHP-Version läuft auf Website und Shop, und an welchem Tag wird die korrigierte Fassung eingespielt. Weil die Angriffe vor der Veröffentlichung begannen, gehört ein Blick in die Webserverprotokolle ab Mitte Oktober dazu. Wer noch auf einer alten Version steht, hat hier den Fall, an dem Altinstallationen teuer werden.
→ BSI-Warnung / heise.de
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