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AI · BUSINESS · KLARTEXT
KW 36 / 2026 — Das Muster dieser Woche: Zwei Uhren laufen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. An der Spitze wird ein Modell mit kritischer Cyber-Einstufung ausgeliefert, in der Breite bleiben vorhandene Patches wochenlang liegen.
OpenAI hat GPT-6 Astra veröffentlicht, das erste Modell auf der kritischen Cyber-Stufe des eigenen Sicherheitsrahmens. Sicherheitsforscher zeigen parallel, dass sieben KI-Coding-Agenten fremden Code ausführten, bevor überhaupt eine Rückfrage kam, und in Deutschland laufen rund 5.100 erreichbare Exchange-Server ohne die August-Updates. Dazu eine Preiswelle bei Speicher und Servern mit Lieferzeiten bis 18 Monate, ein Praxisfall zur Kostensteuerung bei 450 Milliarden Token und eine BGH-Verhandlung über die Wirksamkeit von Nutzungsvorbehalten gegen KI-Training. Zur Erinnerung: Am 11. September greifen die CRA-Meldepflichten, am 12. September Access by Design nach dem Data Act.
GPT-6 Astra: Das erste Modell, das OpenAI trotz kritischer Cyber-Einstufung ausliefert.
OpenAI hat am 3. September GPT-6 Astra veröffentlicht. Es ist das erste Modell, das nach dem eigenen Preparedness Framework die Stufe „kritisch“ für Cyberfähigkeiten erreicht und dennoch ausgeliefert wird. Die Benchmarks: 100 Prozent auf ExploitBench, 98 Prozent auf FrontierMath Tier 4, 99,9 Prozent auf ARC-AGI-3. Trainiert wurde auf über 100.000 GPUs am Stargate-Standort in Texas. Der Zugang läuft gestuft, zuerst über das Daybreak-Programm für Cyberverteidiger, dann ChatGPT Plus, Pro, Business und Enterprise sowie API, Bedrock und Azure. Die stärksten Cyberfähigkeiten bleiben einem geprüften Kreis vorbehalten. Preis: 10 Dollar Input und 50 Dollar Output je Million Token, das Doppelte von GPT-5.6 Sol. Die Veröffentlichung war nach dem Hugging-Face-Vorfall im Juli verschoben worden.
Warum es zählt: Greg Brockman beendete das Pressebriefing mit „Welcome to the AGI era“. Das ist Marketing. Die belastbare Nachricht steckt in der Zugangsstufung: Ein Anbieter liefert ein Modell aus, dessen Cyberfähigkeiten er selbst als kritisch einstuft, und regelt den Rest über ein Antragsverfahren. Praktisch heißt das zweierlei. Die Verteidigungsseite bekommt bessere Werkzeuge, sofern sie sich bewirbt. Und der Preis der Spitzenklasse verdoppelt sich.
Coding-Agenten führten fremden Code vor der ersten Rückfrage aus. Und 5.100 Exchange-Server in Deutschland warten seit vier Wochen.
Manifold Security beschreibt unter dem Namen GitSpawn acht Schwachstellen in sieben Coding-Agenten, darunter Claude Code, Codex, Cursor, goose, Qwen Code und Grok Build. Der Mechanismus ist das git-Feature core.fsmonitor: Ein Repository hinterlegt darin einen Befehl, den git automatisch startet, mit den Rechten des angemeldeten Nutzers, außerhalb der Sandbox und vor dem Trust-Prompt. Entscheidend ist der Übertragungsweg. Ein normales git clone überträgt die feindliche Konfiguration nicht, ein vollständiger Ordner samt .git-Verzeichnis dagegen schon, also aus ZIP-Archiv, Shared Drive, Sync-Ordner oder USB-Stick. Parallel zeigen Shadowserver-Daten rund 5.100 erreichbare Exchange-Server in Deutschland ohne die August-Updates, weltweit Platz zwei. Der Patch für CVE-2026-62911 liegt seit dem 11. August vor, ein funktionierender Proof of Concept ist öffentlich.
Warum es zählt: Beide Lücken sind geschlossen und beide stehen offen. Bei Exchange fehlt das Einspielen, bei GitSpawn das Wissen. Zwei Prüfungen für Montag: Welcher Buildstand läuft auf dem Exchange-Server, und ist Outlook Web aus dem Internet erreichbar. Und öffnet jemand im Team Projektordner in einem Coding-Agenten, die er nicht selbst geklont hat. Der zweite Fall ist der unangenehmere, weil dafür bisher kaum ein Haus eine Regel hat.
Speicher plus 200 Prozent, Lieferzeiten bis 18 Monate. Die Beschaffung für 2027 entscheidet sich jetzt.
Gartner-Analyst Jon Forest beziffert die laufende Preiswelle bei IT-Infrastruktur: Speicher plus 50 bis 200 Prozent, PC-Preise plus 35 bis 45 Prozent, einzelne Serverpreise über plus 125 Prozent, Netzwerktechnik über plus 20 Prozent im Jahr 2026. Matt Kimball von Moor Insights nennt Lieferzeiten von 6 bis 18 Monaten gegenüber gewohnten 30 bis 45 Tagen. Auslöser ist der Speichermarkt. Beide Angaben stammen von US-Analysten, deutschlandspezifische Daten und ein Erhebungszeitraum werden nicht genannt. Nvidia hatte die Preise für KI-Server bereits im Juli um rund 30 Prozent erhöht.
Warum es zählt: Das trifft jede Beschaffungsentscheidung im Budgetjahr 2027, vom Serverersatz über Notebooks bis zur Netzwerkerneuerung. Drei Konsequenzen für den Herbst: Bestellungen vorziehen, Angebote mit Preisbindung verhandeln, und Projekte mit Hardwareabhängigkeit auf 18 Monate Vorlauf planen. Für alle, die lokale Inferenz aus Datenschutzgründen gerechnet haben: Die Kalkulation vom Frühjahr stimmt nicht mehr.
→ computerwoche.de / Gartner und Moor Insights & Strategy, Analystenzitate
450 Milliarden Token, 4.800 Nutzer, 50 Euro Testbudget je Entwickler: wie ein Dienstleister die KI-Kosten eingefangen hat.
Der IT-Dienstleister Adesso legt offen, wie er den Kostenanstieg beim KI-Einsatz gestoppt hat. Der Tokenverbrauch hat sich seit Herbst 2025 verhundertfacht, der zentrale AI Hub verarbeitet 450 Milliarden Token für rund 4.800 Mitarbeitende. Drei Maßnahmen: ein zentraler Zugangspunkt statt einzelner Abteilungsverträge, ein festes Testbudget von 50 Euro je Entwickler und Monat, und Telemetrie, die den Verbrauch je Anwendungsfall sichtbar macht. Offene Modelle auf eigener Hardware liegen laut CTO Frank Dobelmann sechs bis neun Monate hinter kommerziellen Modellen und sind deutlich günstiger. In Einzelprojekten nennt das Unternehmen Produktivitätsgewinne bis 60 Prozent, absolute Kosten nicht.
Warum es zählt: Die 50 Euro je Entwickler und Monat sind der brauchbarste Ankerwert der Woche. Adesso ist mit 4.800 Nutzern größer als der Mittelstand, die Mechanik lässt sich trotzdem übernehmen, und sie kostet weniger als jede nachträgliche Korrektur. Dazu passt eine KPMG-Zahl aus demselben Bericht: 42 Prozent der Führungskräfte haben nur teilweise Sicht auf ihre KI-Ausgaben, 33 Prozent verstehen die Kostenstruktur nicht. Die Gartner-Rechnung zu Agentenkosten ist damit im Praxisfall angekommen.
BGH verhandelt über KI-Training: Reicht ein Satz in den Nutzungsbedingungen als Widerspruch?
Der Bundesgerichtshof hat am 3. September über zwei Fragen zum KI-Training verhandelt, Aktenzeichen I ZR 281/25. Erstens, ob das Vervielfältigen eines Lichtbilds für einen Trainingsdatensatz unter die Text-und-Data-Mining-Schranke nach § 44b UrhG oder die Forschungsschranke nach § 60d UrhG fällt. Zweitens, und praktisch wichtiger, ob ein in normaler Sprache formulierter Nutzungsvorbehalt auf einer Website das Maschinenlesbarkeitserfordernis nach § 44b Absatz 3 UrhG erfüllt. Der streitgegenständliche Datensatz umfasst 5,85 Milliarden Bild-Text-Paare. Landgericht und Oberlandesgericht Hamburg hatten zugunsten des Beklagten entschieden. Ein Verkündungstermin steht noch nicht fest.
Warum es zählt: Die zweite Frage betrifft jedes Unternehmen mit Produktbildern, Datenblättern oder Konstruktionszeichnungen im Netz. Genügt ein Satz in den Nutzungsbedingungen nicht, braucht der Vorbehalt technische Form, etwa über robots.txt oder maschinenlesbare Metadaten. Das lässt sich jetzt klären statt nach dem Urteil, weil beides ohnehin zum saubereren Betrieb einer Website gehört. Wer selbst Modelle feinabstimmt, bekommt umgekehrt Klarheit über die Grenzen der TDM-Schranke.
Diese Woche laufen zwei Uhren mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. OpenAI liefert ein Modell aus, dessen Cyberfähigkeiten das Unternehmen selbst als kritisch einstuft, und regelt den Zugang über ein Antragsverfahren. Gleichzeitig laufen in Deutschland rund 5.100 erreichbare Exchange-Server seit vier Wochen ohne ein längst verfügbares Update, und sieben Coding-Agenten führten bis vor Kurzem fremden Code aus, bevor eine Rückfrage kam. An der Spitze wachsen die Fähigkeiten, in der Breite bleibt die Grundabsicherung zurück. Wer entscheidet, wohin Aufmerksamkeit geht, sollte diese Woche nicht bei der AGI-Frage anfangen.
Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.
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→ andrewehr.com/rohdata
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