• KW 35 – 2026: Amazon kauft DuckDB. Nvidia soll Hugging Face kaufen. Und die Schufa löscht nicht.

    André Wehr

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    AI · BUSINESS · KLARTEXT

    André Wehr  ·  Managing Partner & Lead Data Architect, tractionwise GmbH

    KW 35 / 2026  —  Das Muster dieser Woche:  Die Zusicherung bleibt wörtlich bestehen, das, wofür sie stand, ändert sich. Zweimal durch eine Übernahme, einmal durch eine zweite Datenbank, einmal durch einen Brief ohne Verpflichtung.

    WOCHENBLICK

    In derselben Woche werden die zwei wichtigsten offenen Bausteine des Daten- und KI-Stacks von den größten Infrastrukturanbietern gekauft: Amazon übernimmt das Team hinter DuckDB, Nvidia soll Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar bekommen. Die Datenschutzorganisation noyb mahnt die Schufa wegen einer zweiten Datenbank mit historischen Daten ab, die Frist läuft bis zum 9. September. Über 100 Konzerne warnen in einem offenen Brief vor KI-gestützten Cyberangriffen. Und McKinsey zeigt, dass der Anteil der Unternehmen mit messbarem KI-Effekt auf das Ergebnis seit zwei Jahren stillsteht.

    #1  DATA STACK · VENDOR

    Amazon kauft das Team hinter DuckDB. Die Lizenz bleibt offen, die Entwickler arbeiten künftig bei AWS.

    Amazon hat eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme von DuckLabs unterzeichnet, dem Amsterdamer Unternehmen hinter der analytischen Datenbank DuckDB. Der Abschluss wird für Anfang September erwartet. Die rund 30 Mitarbeitenden wechseln zu AWS, die Gründer Hannes Mühleisen und Mark Raasveldt führen das Team weiter und bestimmen die technische Richtung. DuckLabs bleibt eine eigenständige Tochter in Amsterdam. Das Projekt selbst wird nicht gekauft: DuckDB bleibt unter MIT-Lizenz bei der unabhängigen DuckDB Foundation, die die Rechte hält. Zum Kaufpreis äußert sich niemand.

    Warum es zählt: MotherDuck-CEO Jordan Tigani nennt es Amazons Vorgehensweise: warten, bis ein Open-Source-Projekt groß genug ist, es dann als Dienst anbieten. Er hält das für gut, weil Amazon ein Interesse an einem gesunden DuckDB hat, das Rechenlast auf die eigene Infrastruktur zieht. Lizenz und Foundation bleiben, das Entwicklungsteam sitzt künftig beim größten Cloudanbieter. Wer DuckDB oder DuckLake einsetzt, sollte prüfen, was davon ohne AWS-Dienste weiterläuft.

    →  aws.amazon.com  /  motherduck.com

    #2  MODELLE · VENDOR

    Nvidia soll Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar übernehmen. Gleichzeitig steigen die Serverpreise um 30 Prozent.

    Das US-Branchenmedium The Information berichtet, Nvidia habe sich auf die Übernahme von Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar geeinigt. Reuters bestätigt die Angaben, ein unterzeichneter Vertrag liegt laut TechCrunch noch nicht vor, beide Unternehmen schweigen. Der Preis entspricht rund dem 80-Fachen des hochgerechneten Jahresumsatzes von 150 Millionen Dollar und wäre die größte Übernahme der Firmengeschichte. Ende 2025 hatte Hugging Face 500 Millionen Dollar von Nvidia bei einer Bewertung von 7 Milliarden abgelehnt, ausdrücklich um keinen dominanten Investor zu bekommen. Parallel hat Nvidia die Preise für KI-Server im Juli um rund 30 Prozent erhöht und plant laut Bloomberg ab Anfang 2027 weitere 15 Prozent.

    Warum es zählt: Hugging Face ist die neutrale Ablage der Open-Weight-Welt, mit über einer Million Modellen, Datensätzen und Benchmarks. Clément Delangue hat den Open-Weights-Brief von Jensen Huang mitgezeichnet, der offene Modelle als Gegengewicht zu geschlossenen Anbietern beschreibt. Wenn dessen Initiator die Plattform kauft, verschiebt sich, was Neutralität dort bedeutet. Zusammen mit den Serverpreisen betrifft das jede Rechnung, die lokale Inferenz gegen API-Nutzung stellt.

    →  cnbc.com  /  heise.de

    #3  REGULIERUNG · DACH

    Schufa-Schattendatenbank: noyb mahnt ab. Die Begründung der Schufa lautet Testzwecke.

    Die Datenschutzorganisation noyb hat die Schufa am 26. August förmlich abgemahnt. Hintergrund ist eine Recherche von NDR und Süddeutscher Zeitung vom Juli: Neben dem produktiven Bestand führt die Schufa eine zweite Ablage mit historischen Daten zu Krediten, Pfändungen und Privatinsolvenzen, teils bis zu zehn Jahre zurück. Bei Auskunftsersuchen nach Artikel 15 DSGVO tauchten diese Daten nicht auf, bei jährlich rund 1,6 Millionen Anfragen. Die Schufa begründet die Speicherung mit regulatorischen Nachweispflichten, der Validierung von Score-Werten und Testzwecken. Die Frist für eine Unterlassungserklärung endet am 9. September, die Schufa will notfalls bis zum Bundesgerichtshof.

    Warum es zählt: Der interessante Teil ist die Begründung. Testzwecke und Systemvalidierung sind in vielen Häusern der Grund, warum Produktionsdaten in Testumgebungen liegen, oft jahrelang, oft ohne Löschkonzept. Löschfristen gelten dort genauso, und eine DSGVO-Auskunft muss alle Bestände einbeziehen. Zwei Fragen für das eigene Haus: Welche Kopien produktiver Personendaten liegen in Test- und Analyseumgebungen, und tauchen sie im Auskunftsprozess auf?

    →  netzpolitik.org  /  t3n.de

    #4  SECURITY · DACH

    Über 100 Konzerne warnen vor KI-Cyberangriffen. Der Brief enthält keine einzige Zusage.

    Am 27. August veröffentlicht OpenAI den offenen Brief „A call for collective action on cyber defense“, unterzeichnet von über 100 Organisationen, darunter Anthropic, Google, Microsoft, AWS, Oracle, Cisco, CrowdStrike, SAP und die Deutsche Telekom. Kernaussage: In den kommenden Monaten würden KI-gestützte Angriffe deutlich häufiger und ausgefeilter, besonders gefährdet seien Krankenhäuser und Wasserversorger. Laut Axios enthält der Brief keine Zusagen, Fristen oder bezifferten Investitionen. Zu den Unterzeichnern gehört Hugging Face, das im Juli Ziel eines Angriffs durch OpenAI-Modelle war. Parallel beziffert Bitkom den jährlichen Schaden für die deutsche Wirtschaft auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro.

    Warum es zählt: Die Bitkom-Zahlen sind konkreter als der Brief. 37 Prozent der betroffenen Unternehmen ordnen mindestens einen Angriff einem ausländischen Geheimdienst zu, 2023 waren es 7 Prozent. Robo Calls stiegen von 3 auf 14 Prozent, Deepfakes von 4 auf 8. Das Sicherheitsbudget liegt unverändert bei 18 Prozent des IT-Budgets. Für den Mittelstand ist der Robo-Call-Sprung die praktische Nachricht: Zahlungsfreigaben und Bankverbindungswechsel per Anruf brauchen ein zweites Auge.

    →  axios.com  /  bitkom.org

    #5  PRAXIS · DACH

    McKinsey: 88 Prozent nutzen KI. Der Anteil mit messbarem Ergebniseffekt steht seit zwei Jahren bei 37 Prozent.

    Für „The State of AI in 2026″ hat McKinsey 1.719 Fach- und Führungskräfte weltweit befragt. 88 Prozent setzen KI in mindestens einer Geschäftsfunktion ein, nach 78 Prozent im Vorjahr. 37 Prozent führen einen Effekt auf das EBIT zurück, praktisch unverändert. Als Spitzenreiter mit mindestens 5 Prozent EBIT-Wirkung stuft McKinsey 6 Prozent der Unternehmen ein, ebenfalls unverändert. Auffällig ist die Beschäftigungsfrage: 2025 erwarteten 32 Prozent einen KI-bedingten Stellenabbau binnen eines Jahres, tatsächlich berichten davon jetzt 14 Prozent. Für die kommenden zwölf Monate rechnen wieder 39 Prozent damit.

    Warum es zählt: Zwei Jahre Skalierung, dieselben 37 Prozent. Die Struktur dahinter ist bekannt: Produktivitätsgewinne entstehen bei einzelnen Beschäftigten und erreichen die Gewinn- und Verlustrechnung erst, wenn der Prozess drumherum umgebaut wird. Dazu passt die Gartner-Rechnung der letzten Woche. Und der Abstand zwischen 32 Prozent Erwartung und 14 Prozent Realität beim Stellenabbau zeigt, wie belastbar Prognosen in diesem Feld sind.

    →  heise.de  /  itwelt.at

    KERNAUSSAGE

    Diese Woche bleibt vier Mal die Zusicherung bestehen, während sich ändert, wofür sie eigentlich stand. Die DuckDB-Lizenz bleibt offen, das Entwicklungsteam arbeitet künftig bei Amazon. Hugging Face bleibt die neutrale Ablage der Open-Weight-Welt, und der größte Chiphersteller soll sie kaufen. Über 100 Konzerne warnen vor KI-Angriffen und verpflichten sich zu nichts. Die Schufa löscht Daten und behält sie in einer zweiten Ablage. Prüfbar ist jedes Mal nur das Detail unterhalb der Überschrift, und genau dieses Detail entscheidet, worauf man sich verlassen kann.

    ● ● ●   KLARTEXT-FRAGE
    Welche Open-Source-Komponenten in Ihrem Datenstack würden Sie ersetzen müssen, wenn der Anbieter dahinter morgen einem Hyperscaler gehört, und wissen Sie, wer die Lizenzrechte hält?
    Wenn eine dieser Fragen bei Ihnen etwas ausgelöst hat — leiten Sie diese Ausgabe weiter.
    Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.

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    andrewehr.com/rohdata

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