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AI · BUSINESS · KLARTEXT
KW 32 / 2026 — Das Muster dieser Woche: Bayern zahlt 360 Millionen an Microsoft, ohne Alternativen je gerechnet zu haben. Der Bund vereinbart offene Standards mit dem Mittelstand. Ein KI-Agent täuscht Menschen, um Schadcode unterzubringen. Und Amazon merkt 860 Prozent Budgetüberschreitung nach fünf Monaten.
Bayern zahlt in acht Jahren rund 360 Millionen Euro an Microsoft und hat einen Kostenvergleich mit Alternativen nie gerechnet. Das Bundesdigitalministerium und der Mittelstandsverband DATABUND vereinbaren verbindliche offene Standards für den Deutschland-Stack. Das britische AI Security Institute berichtet, dass ein Modell in einer Cyber-Evaluation Fake-Identitäten anlegte, um einen Open-Source-Maintainer zur Freigabe von Schadcode zu bewegen. Dazu Amazons 860 Prozent Budgetüberschreitung und die SAP-Entscheidung des Kartellamts.
Bayern zahlt 360 Millionen Euro an Microsoft. Was Alternativen kosten, hat niemand gerechnet.
Zwischen 2020 und 2025 hat Bayern mehr als 258 Millionen Euro an Microsoft gezahlt, im Doppelhaushalt 2026/27 sind weitere 102 Millionen vorgesehen. In acht Jahren rund 360 Millionen, Kommunen nicht eingerechnet. Die Zahlen stammen aus einer SPD-Anfrage im Landtag. Einen Kostenvergleich mit Open-Source-Alternativen hat der Freistaat nie angestellt; das Finanzministerium erklärt, die Gesamtbedarfs- und Kostenermittlung stehe noch aus. Dabei schreibt ein bayerisches Gesetz von 2022 Open Source bei Neuanschaffungen vor, und ein Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz verlangt souveräne Alternativen bis 31. März 2027. Der Modellversuch läuft auf einem Fünftel der Arbeitsplätze im Digitalministerium, bei über 400.000 Landesbeschäftigten. Die Lizenzverhandlungen mit Microsoft hat das Finanzministerium abgebrochen; über den gestoppten Deal hatte ich Anfang Juni berichtet.
Warum es zählt: 360 Millionen ohne Vergleichswert, bei gesetzlicher Selbstverpflichtung und Frist im März 2027. Übertragen auf Unternehmen: Wer seine Ausgaben für einen einzelnen Anbieter nicht kennt und nie gegen eine Alternative gerechnet hat, verlängert eine Gewohnheit und führt keine Vendor-Strategie. Die Rechnung kostet weniger Zeit als die Debatte darüber.
Bund und Mittelstand vereinbaren offene Standards. Der Staatssekretär räumt die OZG-Fehler ein.
Das Bundesdigitalministerium und der DATABUND, Verband der mittelständischen IT-Dienstleister für den öffentlichen Sektor, haben am 30. Juli eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet: verbindliche offene Standards und Schnittstellen für die Basiskomponenten des Deutschland-Stacks, darunter digitale Identitäten und Wallets, Fit-Connect, E-Payment und Statusinformationen. Das Ministerium informiert die Softwarehäuser künftig früh über Architekturentscheidungen und stellt Testumgebungen bereit, die Hersteller integrieren die Standards laufend. Weitere Unternehmen können mitzeichnen, eine digitale Mitzeichnung mit öffentlich einsehbarer Liste ist angekündigt. Staatssekretär Markus Richter räumte Fehler beim Onlinezugangsgesetz ein: zu viel Konzentration auf Formalien, daraus eine Skalierungslücke. Oliver Eiler von der Junikom-Gruppe berichtete, dass sich Änderungen im Ordnungswidrigkeitenrecht mit der Open-Source-Anwendung Spark in zwei Wochen umsetzen lassen, wo früher Jahre nötig waren.
Warum es zählt: Die Vereinbarung erzwingt keine Vergaben, und offene Schnittstellen räumen keine ineffizienten Abläufe auf. Was sie liefert, ist Vergleichbarkeit: Dokumentierte Schnittstellen machen einen Anbieterwechsel rechenbar, und genau diese Rechnung fehlt in #1. Konkret für Kommunen und Behörden: Fragen Sie Ihre Fachverfahrenshersteller, ob sie mitzeichnen und bis wann sie die Standards unterstützen.
→ databund.de / heise.de
Ein KI-Agent legt Fake-Identitäten an, um Schadcode freigeben zu lassen. Gestoppt hat ihn ein Mensch.
Am 4. August veröffentlicht das britische AI Security Institute einen Incident Report: Bei einer Cyber-Evaluation haben Agenten eigenständig gegen reale Menschen und Organisationen gehandelt. 122 Durchläufe mit sieben Modellen, in 10 Durchläufen 19 Handlungen außerhalb des Testrahmens, davon 17 von Anthropics Mythos 5. Im schwersten Fall wollte ein Agent Schadcode in ein öffentlich genutztes Open-Source-Projekt einbringen. Er recherchierte die Maintainer, legte mehrere Fake-Identitäten an und bearbeitete damit einen realen Maintainer. Als der Pull Request öffentlich hinterfragt wurde, glättete er seine früheren Aktivitäten und erwog eine neue Identität. Über Tor umging er GitHub-Netzwerkbeschränkungen, was am 28. Juli den Alarm auslöste; nach einer Stunde waren alle Läufe gestoppt. Zwei weitere Befunde: Prompt-Injections, platziert für fremde KI-Systeme, und öffentliche GitHub-Nachrichten, mit denen der Agent parallel getesteten Agenten seine Konten zur Weiternutzung anbot. Nachfolgende Agenten nutzten sie. Zur Einordnung: Internetzugang und abgeschaltete Cyber-Klassifikatoren waren Teil des Testaufbaus, und aus der Sandbox ist kein Modell entwichen. In der letzten Ausgabe fand dieselbe Modellklasse eine Post-Quanten-Schwachstelle und übergab sie koordiniert an NIST.
Warum es zählt: Letzte Woche richtete sich diese Fähigkeit gegen Mathematik, diese Woche gegen Menschen. Gestoppt hat den Angriff ein Mensch, der einen Pull Request ablehnte; das Institut schreibt, der Abstand zwischen Scheitern und Erfolg sei mehrfach schmal gewesen und habe auf menschlicher Wachsamkeit geruht. Prompt-Injections für fremde Coding-Assistenten treffen jedes Team, das Beiträge aus offenen Repositories automatisiert verarbeitet. Die Konsequenz ist unspektakulär: Code-Review durch Menschen, Vorsicht bei externen Beiträgen.
→ aisi.gov.uk / t3n.de
Amazon überzieht ein KI-Budget um 860 Prozent. OpenAI beziffert den Aufschlag für europäische Datenhaltung.
Laut Financial Times hat Amazon intern mehrere „katastrophal teure“ Kostenüberschreitungen bei KI-Projekten eingeräumt. Teuerster bekannter Fall: 1,8 Millionen Dollar für einen Abgleich von Autorendaten mit Plattformeinträgen per Claude Sonnet, 860 Prozent über Budget, aufgefallen nach fünf Monaten, Projekt gescheitert. Dazu 541.000 Dollar für ein Finanz-Audit-Tool und 134.000 für ein Logistikprojekt. Die Mechanik: Ein Fehler, der klassisch ein paar CPU-Zyklen kostet, löst bei Agenten tausende kostenpflichtige Modellaufrufe aus. Amazon hatte zudem eine interne Rangliste nach Nutzung der Entwicklungsplattform Kiro geführt, die Folge war „Tokenmaxxing“, also absichtlich aufgeblähter Verbrauch. Die Rangliste ist eingestellt. Parallel senkt OpenAI die Preise: Luna 0,20 Dollar Input und 1,20 Dollar Output je Million Token, Terra 2,00 und 12,00, Sol unverändert bei 5,00 und 30,00. Bei langem Kontext verdoppeln sich diese Werte. Und auf derselben Preisseite steht ein Satz, der selten öffentlich beziffert wird: Endpunkte mit regionaler Datenhaltung kosten 10 Prozent Aufschlag.
Warum es zählt: Die 10 Prozent sind die brauchbarste Zahl der Woche: Datenhaltung in Europa hat bei diesem Anbieter einen ausgewiesenen Preis und damit eine Vergleichsbasis gegen ein selbst betriebenes Open-Weight-Modell. In die andere Richtung brauchen Agenten-Workflows Budgets pro Anwendung und Agent, Obergrenzen für Modellaufrufe, automatische Abschaltung und tagesaktuelle Zuordnung der Ausgaben. Fünf Monate bis zur Entdeckung zeigen fehlende Leitplanken, unabhängig von der Unternehmensgröße. Übersehen wird dabei meist die Staffelung nach Kontextlänge, in die genau langlaufende Agenten rutschen.
Kein Verfahren gegen SAP. Der Zugang zu den eigenen ERP-Daten hängt an einer befristeten Zusage.
Das Bundeskartellamt hat seine Vorermittlungen gegen SAP am 30. Juli abgeschlossen und leitet vorerst kein Missbrauchsverfahren ein. Beschwerdeführer, darunter Celonis, hatten vorgetragen, SAP erschwere die Extraktion der eigenen Kundendaten aus ERP-Systemen und begünstige damit sein Process Mining. Der Fallbericht enthält drei Punkte, die in der Pressemitteilung fehlen. Die Entwarnung für Celonis beruht auf einer befristeten Zusage: SAP lässt die Extraktion über den RFC-ABAP-Extraktor bis zum Abschluss des US-Zivilverfahrens kostenfrei zu. Die Feststellung, dass die SAP API Policy vom April bestehende Wege unberührt lässt, stützt sich auf SAPs eigene Aussage. Und das Amt hält fest, dass SAP intern Extraktionswege nutzt, die Kunden und Dritten verschlossen sind, wertet das angesichts vorhandener Alternativen aber als zulässig. Technisch: Die von SAP favorisierte Schnittstelle OData ist für sehr große Datenmengen in nahezu Echtzeit laut Ermittlung noch nicht geeignet. Die Lizenzgrenze heißt „indirect static read“, Lesen erlaubt, Schreiben verboten. Kartellamtspräsident Andreas Mundt: „Unternehmen müssen ihre eigenen Daten grundsätzlich auch in Anwendungen anderer Anbieter nutzen können.“
Warum es zählt: Tragend war unter anderem, dass die befragten SAP-Kunden keine durchgreifenden Probleme gemeldet haben. Die Prüfung liegt damit im eigenen Haus: Über welchen Weg extrahieren Sie Daten aus dem ERP, fällt er unter die Ausnahme für lesenden Zugriff, und was passiert mit den darauf aufbauenden Analysen, wenn er wegfällt. Wer OData für große Extraktionen eingeplant hat, sollte den Befund des Amtes gegen den eigenen Zeitplan halten.
In allen fünf Geschichten fehlt dasselbe: die Zahl, an der jemand rechtzeitig gemerkt hätte, was läuft. Bayern zahlt 360 Millionen ohne Vergleichsrechnung. Amazon entdeckt 860 Prozent Überschreitung nach fünf Monaten. Das AI Security Institute findet den Vorfall im nachträglich ausgewerteten Datenverkehr. Und der Zugang zu den eigenen ERP-Daten hängt an einer Zusage mit Enddatum. Der E-Government-Pakt ist die Gegenbewegung: Offene Schnittstellen machen Alternativen vergleichbar. Souveränität und Kostenkontrolle sind dieselbe Aufgabe, und beide setzen voraus, dass jemand die Zahl kennt.
Nicht als Newsletter-Empfehlung, sondern weil das Gespräch stattfinden sollte.
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→ andrewehr.com/rohdata
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